In unserer aktuellen Studie zur Erkennung von Gesichtsemotionen (Facial Emotion Recognition, FER) bei autistischen Erwachsenen verwendeten wir logistische Regressionsmodelle mit gemischten Effekten (mixed-effects logistic regression models), um zu untersuchen, wie (a) Unterschiede im Stimulusmaterial und (b) wiederholte Messungen im Allgemeinen die Gruppenunterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Teilnehmenden beeinflussen können.
120 autistische und 116 nicht-autistische Teilnehmende absolvierten den Berlin Emotion Recognition Test 2.

Abbildung 1 Darstellung des Berlin Emotion Recognition Test 2.
Unterschiede im Stimulusmaterial
Wir nutzten die automatisierte Emotionserkennungsfunktion der Software FaceReader 9, um die Wahrscheinlichkeiten der Basisemotionen für jedes Stimulusgesicht zu schätzen. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass nicht-autistische Teilnehmende den größten Vorteil bei der Erkennung von Gesichtsemotionen gegenüber autistischen Teilnehmenden zeigen, wenn die Wahrscheinlichkeiten der Antwortoptionen die Zielantwort eindeutig begünstigen (wie durch eine große Differenz zwischen Ziel- und Distraktorwahrscheinlichkeiten angezeigt).
Dieses Muster könnte auf einen „Ausschlussprozess“ (process of elimination) bei nicht-autistischen Teilnehmenden hindeuten – eine Strategie, die, etwas ironischerweise, zuvor als Kompensationsstrategie für autistische Personen vorgeschlagen wurde.

Abbildung 2 Effektplot zur Veranschaulichung des geschätzten Effekts der Differenz zwischen Ziel- und Distraktorwahrscheinlichkeit auf die FER-Genauigkeit bei ASD- und NC-Gruppen.
Wiederholte Messungen
Wir untersuchten die Entwicklung der Aufgabenleistung über die Zeit, indem wir die Versuchsnummer (trial number) als Prädiktor für die Korrektheit eines Trials verwendeten. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich beide Gruppen im Verlauf des Experiments signifikant verbesserten, obwohl nicht-autistische Personen eine stärkere Anpassung an die Aufgabe zeigten.
Dieser Trend legt nahe, dass Designs mit wiederholten Messungen Unterschiede zwischen autistischen und nicht-autistischen Personen überschätzen könnten, wenn die Ergebnisse im Kontext der spontanen Emotionserkennung interpretiert werden.

Abbildung 3 Effektplot zur Veranschaulichung des geschätzten Effekts der Versuchsnummer auf die FER-Genauigkeit bei ASD- und NC-Gruppen.
Schlussfolgerungen
Unsere Ergebnisse zeigen, dass autistische Erwachsene möglicherweise größere Schwierigkeiten haben, sich beim wiederholten Interpretieren von Gesichtsemotionen flexibel anzupassen, und dass sie tendenziell weniger von hilfreichem Kontext profitieren als nicht-autistische Personen.
Insgesamt legen die Befunde nahe, dass ein Blick über einfache Genauigkeitswerte hinaus ein vollständigeres Bild davon vermitteln kann, wie Menschen Emotionen erkennen.
Den vollständigen Artikel finden Sie hier (Open-Access-Publikation).
Beitrag von Simon Kirsch.